Kinderchirurgie: «Smarte Stangen» bei Beinlängendifferenz und Skoliose

Magnetisch regulierbare Implantate vereinfachen die Therapie von unterschiedlich langen Beinen oder Rückenverkrümmungen am wachsenden Skelett. Trotz klarer Vorteile für die Patientinnen und Patienten ist die Frage nicht geklärt, wie diese innovative Therapie finanziell abgegolten wird.

Unterschiedliche Beinlängen sind nicht nur angeboren. Auch Unfälle oder Knocheninfekte können das Wachstum eines Beins mindern. Die klassische Therapie zur Verlängerung ist ein metallisches Ring- oder Stabsystem (Fixateur Externe), welches das Kind um das Bein tragen muss. Drähte und Stangen verbinden dieses System durch die Haut mit dem Knochen. Verlängert wird das Bein durch tägliches Schrauben von aussen, womit der Abstand zwischen den Ringen vergrössert wird.

Eine Operation, weniger Arztkontrollen, besserer Patientenkomfort
Doch seit einigen Jahren lässt sich das Bein auch von innen durch im Knochen verlaufende Implantate (intramedulläre Marknägel) verlängern. Diese sind aus mehreren Gründen ein Gewinn für das betroffene Kind: Sie werden minimalinvasiv (kleiner Schnitt) direkt in den Knochen eingebracht, was nur wenige Narben hinterlässt. Ohne äusserliches Ringsystem kann das Kind normale Kleidung tragen. Die Komplikationsrate ist gering, und häufige Kontrollen durch medizinisches Personal wie bei der klassischen Therapie sind nicht mehr notwendig. Bis der Knochen nach der Ausheilung für eine Belastung stabil genug ist, verwendet das Kind Gehstöcke.

Das Bein kann mittels einer programmierten «Fernbedienung» zu Hause verlängert werden. Dafür wird diese «Fernbedienung» dreimal täglich ca. zwei Minuten lang auf eine vorher markierte Stelle des Beins gelegt. Natürliche Magnete im Inneren der Stange reagieren auf die Impulse und strecken das Implantat um 1 mm pro Tag. Im Vergleich zum klassischen Fixateur muss der Marknagel nach der Verlängerung nicht entfernt werden bzw. kann im Knochen verbleiben.

Mitwachsende Technologie bei Skoliose
Nach dem gleichen Prinzip funktioniert die innovative Behandlung von angeborenen Wirbelsäulenverkrümmungen (Skoliose) am wachsenden Skelett. Unbehandelt kann das Ausmass einer Skoliose mit dem Wachstum zunehmen. Das hat eine Beeinträchtigung des Herz-Lungen-Systems zur Folge, was die Lebenserwartung verringern kann. In der klassischen Therapie wird die schwere Skoliose operativ durch die Stabilisierung der Wirbelsäule behandelt. Allerdings muss dafür beim Kind teilweise das Hauptwachstum der Wirbelsäule abgewartet werden, da die stabilisierten Wirbelkörper sonst beim weiteren Wachstum eine sekundäre Deformität auslösen können.

Das neue Stabilisationssystem der Wirbelsäule setzt bei jungen Kindern auf zwei magnetisch regulierbare Stangen, die mit dem Wachstum von aussen verlängert werden können und somit «mitwachsen». Weitere chirurgische Eingriffe werden vermieden. Anders als bei der Beinverlängerung nehmen eine Ärztin bzw. ein Arzt und ein Fachtechniker alle zwei bis drei Monate in der Sprechstunde die Verlängerung vor.

Für Beinverlängerungen und Skoliosen sind die magnetischen Stangen seit 2015 an den Kinderkliniken Bern im Einsatz. Weil die neuen Implantate teurer sind als die klassischen Systeme (bei der Beinverlängerung werden diese nur gemietet), wurden erfolgreich zwei Innovationsanträge an die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern gestellt. Kinderorthopäde Dr. med. Kai Ziebarth: «Die Implantate lassen sich einfach einsetzen, zeigen sehr gute Resultate und verbessern den Patientenkomfort signifikant. Kinder und deren Eltern sind deshalb sehr interessiert an diesen neuen Behandlungsmöglichkeiten.»

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