Diabetes-Center
Jahresbericht

Mehr Lebensqualität bei Diabetes

Die «Volkskrankheit» ist auf dem Vormarsch. Ein Berner Kompetenzzentrum zur Erforschung von Diabetes und zur Entwicklung verbesserter Behandlungsstrategien und -hilfsmittel stellt sich der Herausforderung, den Betroffenen alltagstaugliche Lösungen zu bieten.

Weltweit leiden mehr als 400 Millionen Menschen an Diabetes mellitus. Weil Diabetes bislang nicht heilbar ist, muss sich die Medizin aktuell darauf konzentrieren, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Ein vielversprechender Ansatz ist die «künstliche Bauchspeicheldrüse» aus Bern, die derzeit im Spitalumfeld getestet wird. Neben MedTech-Lösungen zum Management der chronischen Erkrankung muss aber auch mehr in das Wissen um die Ursachen, besonders von Typ-1-Diabetes, investiert werden. Mit der Lancierung eines spezialisierten Forschungszentrums will der Medizinalstandort Bern lokale Expertise bündeln und in Verbindung mit der Diabetesforschung, der klinischen Praxis und technologischem Knowhow innovative Lösungen erarbeiten.

Ein Diabetes-Forschungszentrum für Bern

Welche Erwartungen haben Dr. h. c. Willy Michel als Stifter und Kliniker Prof. Dr. med. Christoph Stettler, Direktor und Chefarzt der Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin & Metabolismus (UDEM) am Inselspital, an das neue Diabetes Center Berne? Im Audio-Roundtable sprechen sie über Herausforderungen und Potentiale.





Herr Michel, Sie investierten eine stattliche Summe in den Aufbau eines Berner Forschungszentrums für Diabetes. Was sind Ihre Erwartungen? (höre Audiodatei unten ↓ )

Diabetesforschung: Wo stehen wir heute?

Willy Michel: In den letzten 40 Jahren wurde einiges entwickelt im Bereich Diabetes. Damals hat man noch im Urin Blutzucker gemessen. Damit konnte man v. a. Typ-1-Diabetes mehr schlecht als recht einstellen. Dann kam die erste kapillare Blutzuckermessung, bei der man sich in den Finger sticht – was ja noch heute die gängige Messung ist. Allerdings hat es wesentliche Verbesserungen gegeben bei den Strips: Das Resultat wird viel schneller und auch eindeutiger angezeigt, da es den schwer zu interpretierenden Farbverlauf von damals heute nicht mehr gibt. Während man also früher bis zu einer Minute warten musste, hat man heute innerhalb von einer Sekunde eine recht genaue Messung.

Auf der anderen Seite gab es neu subkutane kontinuierliche Messsysteme, allerdings mit dem Nachteil, dass die Werte dabei mit einer Verzögerung von 15 bis 20 Minuten angezeigt werden. Das müsste man bei der Entwicklung von Software für sogenannte «closed loops» (Systeme, welche die Blutzuckermessung und die Abgabe von Insulin kombinieren) natürlich miteinberechnen, besonders, weil nicht alle Patientinnen und Patienten gleich reagieren. Auch werden die Medizinprodukte, die es heute für Diabetes gibt, immer kleiner, schneller und praktischer für die Patientinnen und Patienten, aber die vollautomatische Messung funktioniert noch nicht für alle gleich gut. Passiert ist also sicher einiges, aber es gibt noch vieles, das noch nicht bekannt oder noch nicht entwickelt ist. Deshalb hoffe ich, dass wir bei der kontinuierlichen und der Echtzeitmessung einen Schritt weiterkommen, aber auch beim Verständnis, wie Typ1-Diabetes entsteht.

Christoph Stettler: Über die letzten 20 Jahre konnten wir Herz- und Hirnschläge bei Diabetikern v. a. dank der Kolleginnen und Kollegen in der Kardiologie und Angiologie und dank Prävention deutlich reduzieren. Risiken, welche die grossen Gefässe betreffen, haben also abgenommen. Fast keine Fortschritte gemacht haben wir jedoch bei den mikrovaskulären Veränderungen, die bei Diabetes direkt mit der Blutzuckereinstellung zusammenhängen und zu Nierenversagen, Erblinden und Nervenschädigungen führend können. Insofern hat die Diabetologie hier nicht den Fortschritt gemacht, der nötig wäre. Um diese Risiken zu vermeiden, müssen wir darauf fokussieren, den Blutzucker besser einzustellen.

An sich möchten wir Diabetes ja heilen. Beim Typ 2 wissen wir: Man kann die Krankheit verhindern mit gesellschaftlichen Veränderungen im Bereich Ernährung und Bewegung. Wenn wir hier früh intervenieren – wenn die Betroffenen ihre Lebensumstände ändern –, verschwindet die Krankheit teilweise, auch noch nach Jahren. Typ-1-Diabetes ist aber anders. Das ist eine Autoimmunkrankheit, die wir bis heute noch nicht genügend gut verstehen. Alle Versuche, Typ 1 zu heilen, sind bisher fehlgeschlagen. Man kann hier zwar eine Bauchspeicheldrüse transplantieren, dann ist die Diabetes eigentlich weg, aber das erkauft man sich mit den Nebenwirkungen der immunsupprimierenden Medikamente. Auch hier sind wir heute nicht ganz so weit, wie wir das gerne hätten. Da also die Heilung nicht immer möglich ist, müssen wir uns darauf konzentrieren, effektive Therapien zu entwickeln, die für Patientinnen und Patienten im Alltag einfach umzusetzen sind. Und das ist, was wir im Diabetes Center wollen: Forschung betreiben, die dem Patienten direkt und messbar etwas bringt.

Im Juni 2017 investierte Dr. h. c. Willy Michel, Verwaltungsratspräsident der Ypsomed Holding AG, 50 Millionen Franken in den Aufbau eines Diabetes-Forschungszentrums in Bern. Das Diabetes Center Berne (DCB) hat im Dezember seinen Betrieb aufgenommen. Es wird später in das nationale Translationszentrum sitem-insel auf dem Campus des

Inselspitals ziehen. Durch die räumliche Nähe zur Berner MedTech-Industrie, zur Universität und zur klinischen Forschung wird damit eine einzigartige Chance geschaffen, mit starken Partnern die Diabetesforschung voranzutreiben und direkt den Patientinnen und Patienten zugutekommen zu lassen.

Vollautomatisches Diabetes-Management im Spital

Menschen mit Diabetes werden häufiger hospitalisiert und ihre Spitalaufenthalte sind im Durchschnitt länger als jene von Menschen ohne Diabetes. Akute Krankheit, Änderungen in der Ernährung und im Aktivitätszustand, aber auch der Einsatz von Medikamenten und medizinischen Interventionen stellen hohe Herausforderungen an das Diabetesmanagement im Spital. Eine suboptimale Blutzuckereinstellung während des Spitalaufenthaltes wirkt sich ungünstig auf Morbidität, Mortalität und auf die Hospitalisationsdauer aus. Neue Technologien sind gefragt, um die Diabetesversorgung hospitalisierter Patientinnen und Patienten zu optimieren. Das erste Projekt des Diabetes Center Berne befasst sich daher mit dem Einsatz von «closed loop»-Systemen im Spital.

Ein Forscherteam um die klinische Forscherin Dr. med. Lia Bally der Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin und Metabolismus (UDEM) am Inselspital erforscht daher seit Juni 2017, inwiefern eine «künstliche Bauchspeicheldrüse» das Diabetesmanagement stationärer Patientinnen und Patienten verbessern kann. Dabei wird ein kontinuierlich messender Glukosesensor mit einer automatisierten Insulinpumpe verbunden, die über einen integrierten Algorithmus je nach Blutzuckerwert bedarfsgerecht Insulin abgibt. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin am Inselspital und der Forschungsgruppe Artifical Pancreas (Cambridge, UK) durchgeführt.

Im November 2017 konnten die Ergebnisse der ersten 100 Patientinnen und Patienten anlässlich der Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie präsentiert werden. Es zeigte sich, dass die in Bern entwickelte künstliche Bauchspeicheldrüse praktikabel, wirksam und sicher im Spital eingesetzt werden kann: Sie verbesserte die Blutzuckereinstellung der hospitalisierten Patientinnen und Patienten im Vergleich zur konventionellen Insulintherapie signifikant, mit vergleichbaren Insulinmengen und ohne das Auftreten einer verstärkten Unterzuckerung.

Durch die automatisierte Anpassung der Insulinabgabe in Echtzeit lag der Blutzucker beinahe doppelt so oft im Zielbereich wie bei der konventionellen Insulintherapie. Schwankungen im Blutzuckerspiegel fielen viel geringer aus. Auch die Patientinnen und Patienten zeigten sich zufrieden mit dem System: 98 Prozent würden es anderen im Spital weiterempfehlen. Die Technologie wird nun in Folgeprojekten weiter im Spitalsetting erforscht, insbesondere für den ambulanten Bereich. Die endgültigen Projektergebnisse werden am grössten internationalen Diabetes-Kongress in Orlando (USA) im Juni 2018 vorgestellt.