Roboterassistierte Cochlea-Implantation
Jahresbericht

Mit 1,8 Millimetern direkt in die Hörschnecke

Am 15. März 2017 sorgten die Ergebnisse der weltweit ersten erfolgreich durchgeführten roboterassistierten Cochlea-Implantation in ein menschliches Innenohr in der Fachwelt für Aufsehen. Das Leichtgewicht mit drei Sicherheitsschaltkreisen, welches den Tunnelzugang in die Cochlea bohrte, entstand in einer Kooperation der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten (HNO), Kopf- und Halschirurgie am Inselspital und dem ARTORG Center for Biomedical Engineering Research der Universität Bern.

Um ein Cochlea-Implantat in das Ohr eines tauben Menschen einzubringen, muss ein Hals-, Nasen-, Ohrenchirurg hinter der Ohrmuschel manuell einen sehr exakten Zugang durch den Schädelknochen zum Innenohr herstellen. Beim klassischen Zugang muss ein ausreichend grosses Stück Knochen entfernt werden, um die notwendige Sicht auf das Innenohr zu gewährleisten. Andererseits gilt es, Verletzungen von Nerven, die im Knochen verlaufen, zu vermeiden. Die Implantat-Elektrode wird danach in die Cochlea (Hörschnecke) eingebracht und ermöglicht das Hören.

Ein Forschungsprojekt der HNO-Universitätsklinik am Inselspital unter der Leitung von Prof. Dr. Marco Caversaccio und des Center for Biomedical Engineering Research (ARTORG) der Universität Bern mit Prof. Dr. Stefan Weber untersuchte, ob neuartige, computer- und robotergestützte Ansätze zu einem verbesserten, weniger invasiven und reproduzierbareren Operationsergebnis beitragen können. Daraus entstand ein Operationsroboter, der speziell darauf ausgerichtet ist, einen sehr präzisen Tunnel in die Cochlea zu bohren.

Das Besondere am selbstentwickelten Roboter: Im Gegensatz zu Vorgängermodellen ist er klein und steht wie ein zweiter Chirurg direkt am Operationstisch. Ausserdem führt der Roboter erstmals Teile des Eingriffs selbstständig durch.

Damit es dabei in keinem Fall zu Verletzungen der Patientin bzw. des Patienten kommt, haben ihn die Ingenieure des ARTORG Center mit einem dreifachen Sicherheitsdispositiv ausgestattet: Ein extrem genaues Kamerasystem misst die Positionen von Roboter und Patientin und steuert so die Roboterbewegungen. Über ein Kraftmess-System werden die Bohrkräfte gemessen und mit der erwarteten Knochenstärke verglichen. Zudem sendet ein Nervenstimulationssystem schwache elektrische Impulse in den Knochen und misst die entstehenden Rückkopplungen.

Dies ermöglicht dem Roboter, auf wenige Zehntelmillimeter genau zwischen dem Gesichts- und dem Geschmacksnerv einen Tunnel direkt in die Hörschnecke zu bohren. Der Durchmesser dieses Tunnels beträgt beim Eingang 2,5 Millimeter und in der Cochlea noch 1,8 Millimeter. Wie bei einem Flugzeug können die Instrumente die Operateurin bzw. den Operateur dazu befähigen, Dinge zu tun, die allein aufgrund der menschlichen Wahrnehmung nicht möglich wären.

Die grosse Präzision des Roboterzugangs erlaubt zudem einen optimalen Eintrittswinkel in die Hörschnecke, so dass ein Cochlea-Implantat noch besser dorthin eingeführt werden kann, wo die besten Hörergebnisse zu erwarten sind. So trägt der Roboter dazu bei, individualisiert die bestmögliche Lebensqualität der Patientinnen und Patienten wiederherzustellen, indem etwa ein noch teilweise bestehendes Hörvermögen erhalten werden kann. Auch andere potentielle Einsatzgebiete können angedacht werden, etwa das punktgenaue Einbringen von Medikamenten in die Cochlea.

«Plötzlich verlor ich das Gehör auf einem Ohr – dann auf dem anderen»

Erfahrungsbericht einer Patientin

Anne Gillet war die erste Patientin, der am Inselspital mithilfe des spezialisierten Operationsroboters ein Cochlea-Implantat eingesetzt wurde (14. Juli 2016). Ein Erfahrungsbericht.

Wie ging es Ihnen vor dem Einsatz des Cochlea-Implantats? Wie entstand Ihre Hörbeeinträchtigung?
Ich habe das Cogan-Syndrom, eine Autoimmunkrankheit. Bis 1989 hörte ich ganz normal. Ende 1989 hatte ich einen Hörverlust auf dem einen Ohr und im April darauf auf dem anderen. Mit Schwindel, Tinnitus, Kopfschmerzen, Erbrechen. Es war körperlich und moralisch sehr schwierig, meinen Arbeitsplatz und den Kontakt zu vielen meiner Freunde und Familienmitglieder zu verlieren. Ich bekam dann ein Hörgerät, aber das war weder effizient noch angenehm. So ging es bis 1996 weiter, bis die Geräte nichts mehr brachten. Bis zur Implantation war ich absolut taub.

Was hat sich seit der Operation für Sie geändert?
In erster Linie kommt mir die Freude in den Sinn, wieder Musik oder Radio hören zu

können. In sozialer Hinsicht hatte mich das Internet vor der Isolation bewahrt, aber ich gewinne nun wieder ein Stück Unabhängigkeit, kann eigene Termine wahrnehmen oder banale Dinge tun, etwa einem Verkäufer im Laden eine Frage stellen.

Wie empfanden Sie Ihren Spitalaufenthalt und die Operation?
Was das Spital und den Aufenthalt angeht, war ich sehr positiv überrascht. Man nahm sich viel Zeit, um mir die Dinge zu erklären. Die Operation lief gut. Danach hatte ich ein wenig Schmerzen, aber nicht aussergewöhnlich stark.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem aktuellen Hörvermögen?
Ich bin zufrieden und das Resultat entspricht meinen Erwartungen – nach so vielen schlimmen tauben Jahren. Die Situation entwickelt sich noch und es wäre schön, noch besser in einer Gruppe zurechtzukommen. Aber die Hauptsache ist für mich, nicht jedes Mal meine Tochter für einen Termin anrufen zu müssen. Ich kann auch wieder einen Kurs besuchen oder etwas unternehmen. Das ist ein enormes Plus.

Die Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten (HNO), Kopf- und Halschirurgie am Inselspital setzt pro Jahr im Schnitt 50 Cochlea-Implantate mit dem klassischen Zugang ein. Seit 2016 wurden sieben Implantate mit dem selbstentwickelten Roboter eingesetzt. Mit dem Abschluss der begleitenden Studie Mitte 2018 wird der Operationsroboter häufiger im Einsatz sein. Denn dann ist klar, welche Patientinnen und Patienten primär von der roboterassistierten Methode profitieren.