Tiefe Hirnstimulation bei Depression
Jahresbericht

Erste tiefe Hirnstimulation bei Depression

Die tiefe Hirnstimulation ist exemplarisch für die professionelle Interdisziplinarität im Universitären Neurozentrum Bern am Inselspital. Für ihre erfolgreiche Durchführung sind sämtliche neuromedizinischen Disziplinen involviert. Ende Oktober 2017 wurde am Inselspital erstmals eine tiefe Hirnstimulation bei einer depressiven Patientin durchgeführt. Der Eingriff war ihre letzte Hoffnung.

In der Behandlung von Bewegungsstörungen wie Morbus Parkinson mittels tiefer Hirnstimulation kann das Universitäre Neurozentrum Bern auf eine lange Tradition zurückblicken: 1998 unterzog sich am Inselspital die erste Patientin einer tiefen Hirnstimulation. Unterdessen führt das interdisziplinäre Team jährlich rund 40 solche Wachoperationen durch.

Erste Patientin mit einer schweren Depression

Am 31. Oktober 2017 führte das Team aus erfahrenen Spezialisten den Eingriff jedoch zum ersten Mal bei einer depressiven Patientin durch. Auch wenn das Verfahren vergleichbar ist mit jenem bei Patienten mit Morbus Parkinson, bei denen es sich in den letzten zehn Jahren etabliert hat, steckt die tiefe Hirnstimulation für psychiatrische Erkrankungen noch in den Kinderschuhen. Weltweit wurden bis zum Eingriff am Inselspital erst rund 150 Fälle publiziert, die meisten in Studien.

Die tiefe Hirnstimulation bei Depression steht am Ende einer langen Behandlungskette. Sie kommt bei jenen Betroffenen zum Einsatz, die an einer schweren therapieresistenten chronischen Depression leiden, nachdem alle anderen Behandlungsformen wie die störungsspezifische Psychotherapie, die Pharmakotherapie und nichtinvasive Hirnstimulationsverfahren erfolglos blieben. Die tiefe Hirnstimulation entfaltet ihre Wirkung auf die Depression zusammen mit Psychotherapie und Pharmakotherapie erst nach einigen Wochen intensiver Feineinstellung.

«Ich war gleichzeitig im Gespräch mit Exit»

Interview mit der Patientin

Nicole Amrein heisst die Patientin, die an jenem Oktobertag im Inselspital operiert wurde. Sie leidet seit 30 Jahren an einer schweren nicht therapierbaren Depression. Im Interview mit Stephanie Falk spricht sie über ihren langen Leidensweg, die Wachoperation und über ihren Gesundheitszustand.

Nicole Amrein, vor sechs Monaten wurden Sie operiert. Wie geht es Ihnen heute?
Es geht mir sehr viel besser. Vor der Operation litt ich unter ständigen Selbstmordgedanken. Diese hatten mich seit meiner Jugend geplagt. Heute kann ich sagen, dass diese Suizidgedanken weniger geworden sind. Was mich manchmal noch begleitet sind Zukunftsängste oder eine gewisse Trauer, doch diese Gefühle sind überhaupt nicht mehr vergleichbar mit den Gefühlen, die ich vor der Operation hatte. Ich fühle mich sehr viel freier im Kopf. Zum Beispiel kann ich auch wieder Bücher lesen. Das konnte ich zuvor überhaupt nicht mehr.

Warum nicht?
Weil ich mich nicht mehr konzentrieren konnte. Ich schätze es sehr, dass ich nun wieder lesen kann. Als Texterin, Geschichtenerzählerin und Autorin ist es darum auch meine Hoffnung, dass ich, nun da ich wieder lesen kann, irgendwann einmal auch wieder schreiben kann.

Bei der Begrüssung zu unserem Gespräch haben Sie Ihr verändertes Aussehen erwähnt. Weshalb?
Vor der Operation hatte ich immer lange Haare, doch am Vorabend der Operation rasierte mir eine Pflegeperson meine langen Haare ab. Ich musste mich daran gewöhnen, erst gar keine Haare mehr auf dem Kopf zu haben. Bald wuchsen sie jedoch nach, und ich konnte ohne Mütze umhergehen. Die kurzen Haare sind für mich immer noch ungewohnt, aber mittlerweile finde ich meine Frisur ganz witzig.

War die Rasur der Zeitpunkt, an dem Sie gemerkt haben, dass es ernst wird?
Ja, ich hatte so lange auf diese Operation gewartet und bis zu diesem Zeitpunkt Angst, dass sie vielleicht im letzten Moment doch noch verschoben wird, weil zum Beispiel ein Arzt krank ist. Das Abschneiden meiner Haare gab mir die Gewissheit, dass die Operation nun wirklich bevorsteht.

Warum haben Sie sich für die tiefe Hirnstimulation entschieden?
Es gab für mich keine andere Möglichkeit mehr. Ich war gleichzeitig im Gespräch mit Exit. Für mich war mein Leben nicht mehr lebenswert. Ich hatte drei misslungene Selbstmordversuche hinter mir. Ich war extrem verzweifelt und wusste, dass ich so nicht mehr weiterleben kann. In den dreissig Jahren meiner Krankheit durchlief ich über 60 Elektrokonvulsionstherapien, probierte alle möglichen Medikamente aus, hatte zig Gesprächstherapien, verbrachte Monate, gar Jahre meines Lebens in Psychiatrien, aber nichts konnte mir helfen. Die Operation war für mich der letzte Rettungsanker.

Hatten Sie Angst vor der Operation?
Nein, nie. Respekt ja, aber keine Angst.

Bei der tiefen Hirnstimulation wurden Ihnen Elektroden im Bereich des Nucleus accumbens, einer Hirnregion für die Stimmungsstörungen und Motivation, eingesetzt. Sie waren während der ganzen Operation ansprechbar. Wie haben Sie die Wachoperation erlebt?
Noch im Patientenzimmer erhielt ich frühmorgens unter örtlicher Betäubung einen stereotaktischen Rahmen, mit dem mein Kopf millimetergenau fixiert wurde. Das Anbringen dieses Rahmens war für mich unangenehm und auch schmerzhaft. Die Operation an und für sich dauerte den ganzen Morgen bis in den Nachmittag hinein. Das waren für mich lange Stunden. Der Eingriff selber war teilweise auch unangenehm und schmerzhaft. Im Operationssaal war ich umringt von Ärztinnen und Ärzten und von weiterem Personal. Eine Frau begleitete mich während der ganzen Zeit – von der Befestigung des stereotaktischen Rahmens im Zimmer auf der Station, über die Zeit im Operationssaal bis in den Aufwachraum. Diese Frau war immer an meiner Seite. Sie hielt meine Hand und sprach mit mir. Es beruhigte mich, dass sie bei mir war.

Können Sie die Gefühle, die Sie während der Operation hatten, beschreiben?
Als die erste Elektrode im Hirn eingesetzt war, testeten die Ärzte sie aus, indem sie elektrische Impulse an mein Hirn sendeten. Dabei erhöhten sie langsam die Stromstärke. Plötzlich lächelte ich während der Operation und in mir drin wurde es Licht. Ich fühlte mich leichter und zuversichtlicher. Das gab mir ein wohliges Gefühl. Dieses Lächeln war immer wieder einstellbar. Diese positive Wirkung bereits während der Operation beeindruckte mich sehr.

Wie ging es nach der Operation weiter?
Bereits am zweiten Tag nach der Operation wurde ich vom Inselspital in die Station Wernicke der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD) auf dem Inselareal verlegt. Auf dieser Station hatte ich mich auch schon ein paar Tage vor der Operation aufgehalten, um mich an die Umgebung und das Personal zu gewöhnen. Nach der Operation blieb ich während rund 16 Wochen dort, bis es mir so gut ging, dass ich nach Hause konnte.

Wie hat sich Ihr Leben seit der Operation verändert?
Es ist ein neues Leben. Die Suizidalität hat abgenommen – diese schlimmen Selbstmordgedanken, die ich vor der Operation nie ausschalten konnte. Diese Gedanken waren mir angehaftet wie Kaugummi auf dem Asphalt und schränkten meine Lebensqualität stark ein. Seit der Operation kann ich ein selbstbestimmteres Leben führen. Vorher war ich meist in Kliniken, wo ich vor mir selber geschützt werden musste.

Würden Sie die Operation anderen Betroffenen empfehlen?
Ja, auf jeden Fall. Betroffene müssen sich jedoch bewusst sein, dass es auch nach der Operation noch sehr viel Zeit braucht, bis die elektrischen Impulse richtig eingestellt sind. Der Geduldsfaktor ist darum nicht zu unterschätzen. Das wurde mir von meinen Ärztinnen und Ärzten auch immer gesagt.
Der Hirnschrittmacher ist nun ein Teil von mir. Man sieht mir die tiefe Hirnstimulation zwar nicht an, aber ich spüre das Gerät, wenn ich meine Haare wasche oder mich eincreme. Aber das ist nichts im Vergleich zur Depression. Diese hat man mir viel stärker angesehen. Ich fühle mich heute sehr anders, trete ganz anders auf. Das beobachtet auch mein Umfeld und meldet es mir zurück.
Ich bin sehr froh, dass ich den Eingriff gemacht habe, sonst wäre ich heute nicht hier.

Tiefe Hirnstimulation

Bei der tiefen Hirnstimulation (Deep Brain Stimulation, DBS) werden den Patientinnen und Patienten in einem minimalinvasiven neurochirurgischen Präzisionseingriff kleinste Elektroden im Gehirn implantiert. Diese Elektroden führen dem Hirn über einen Hirnschrittmacher, der unter dem Schlüsselbein im Brustbereich implantiert wird, chronische elektrische Impulse zu. Neurologinnen und Neurologen stellen den Hirnschrittmacher über ein externes Programmiergerät ein. Diese Feinjustierung kann Tage bis Wochen dauern und jederzeit angepasst werden.

Detailliertere Informationen zur tiefen Hirnstimulation