Universitäre Forschung Pflege
Jahresbericht

Pflegeforschung mit Praxisbezug

Die international und interdisziplinär zusammengesetzte Forschungsgruppe Workforce Effectiveness Research (WER@INSEL) unter der Führung von Prof. Dr. Michael Simon (Bereich Universitäre Forschung Pflege) des Inselspitals nutzt routinemässig erhobene Leistungs- und Gesundheitsdaten. Damit können Rückschlüsse gezogen werden, die für die Pflegepersonalbesetzung relevant sind.

Jede Pflegefachperson des Inselspitals erfasst am Ende ihrer Schicht die Leistungen, die für eine Patientin bzw. einen Patienten erbracht wurden. Daraus entstand über die Jahre ein einzigartiger Datenschatz. Er liefert nicht nur Informationen zur den Leistungen, sondern ermöglicht es auch, die Personalausstattung in den verschiedenen Kliniken zu beschreiben sowie zu untersuchen, wie eine sichere Personalausstattung aussehen sollte. Die Nutzung dieser Routinedaten ist besonders herausfordernd, weil es sich um eine umfangreiche und komplexe Datenstruktur handelt und weil die Aufbereitung, die zur Analyse notwendig ist, viel Zeit erfordert.

WER@INSEL ist eine retrospektive Beobachtungsstudie, die routinemässig erhobene Leistungs- und Gesundheitsdaten nutzt. Studien zeigen, dass eine niedrige Pflegepersonalausstattung zu negativen Patientenoutcomes führen kann. Damit wird hervorgehoben, wie wichtig eine angemessene Anzahl von Pflegefachpersonen ist (z. B. diplomierte Pflegefachpersonen und nichtdiplomierte Pflegerinnen und Pfleger), die entsprechend auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten eingehen können. Aktuell ist die Literatur über den Zusammenhang zwischen der Pflegepersonalausstattung und den Patientenergebnissen jedoch lückenhaft.

Obwohl es umfangreiche Forschungen zum Zusammenhang zwischen der Pflegepersonalausstattung und negativen Patientenoutcomes gibt, kann aus den bisherigen Studien nicht abgeleitet werden, welche Pflegepersonalausstattung und welcher Skill-Mix für die Sicherstellung optimaler Patientenoutcomes notwendig ist.

Spitäler stehen in zweierlei Hinsicht vor der Herausforderung, den optimalen Pflegepersonalbedarf zu bestimmen. Einerseits ist eine bestimmte Anzahl Pflegerinnen und Pfleger erforderlich, um die Pflegequalität in der Patientenversorgung zu gewährleisten, andererseits stehen Spitäler unter ökonomischem Druck. In Schweizer Spitälern betragen die Personalkosten für das Pflegepersonal ca. ein Drittel der Gesamtausgaben. Insbesondere durch die Einführung der Fallpauschalen entsteht der Anreiz, die Personalkosten zu reduzieren.

Eine weitere Herausforderung der Spitäler besteht im Mangel an Arbeitskräften, die benötigt würden, um eine angemessene Personalausstattung zu gewährleisten. In den kommenden Jahren wird die Zahl der pflegebedürftigen Menschen mit Komorbidität aufgrund der älter werdenden Baby-Boomer-Generation steigen. Dies erfordert mehr Pflegepersonal, um die Versorgung dieser Menschen in Schweizer Spitälern gewährleisten zu können. Hinzu kommt, dass bis 2030 bis zu 60 Prozent der Pflegenden aus der Baby-Boomer-Generation pensioniert werden und der Pflegpersonalmangel dadurch weiter verschärft wird.

Die Verwendung von Routinedaten aus dem Inselspital Bern bietet die Möglichkeit, detaillierte Informationen über die Personalausstattung der Pflege sowie über die Patientinnen und Patienten zu nutzen. Diese Informationen wären durch eine primär empirische Studie nur schwer zu bekommen. Die vorhandenen Daten bilden die tatsächliche Pflegepersonalbesetzung im Inselspital Bern detailliert ab. Die Nutzung von bereits bestehenden Patientenroutinedaten hat zusätzlich den grossen Vorteil, dass das Personal keine weiteren Daten erheben muss von den Patientinnen und Patienten im Spital. Um sich dieser Herausforderung zu stellen, ist die Forschungsgruppe von WER@INSEL international und interdisziplinär besetzt.

  • Sarah N. Musy & Michael Simon, Bereich Universitäre Forschung Pflege, Universitätsspital Bern & Institut für Pflegewissenschaft – Nursing Science (INS), Medizinische Fakultät, Universität Basel, Schweiz
  • Alexander B. Leichtle, Universitätsinstitut für Klinische Chemie, Universitätsspital Bern, Schweiz
  • Olga Endrich, Ärztliche Direktion, Medizincontrolling, Universitätsspital Bern, Schweiz
  • Christos T. Nakas, Universitätsinstitut für Klinische Chemie, Universitätsspital Bern, Schweiz & Laboratory of Biometry, University of Thessaly, Volos, Griechenland
  • Peter Griffiths, University of Southampton, Southampton, England