ANP-Angebot
Jahresbericht

Vom Brutkasten nach Hause ins Leben – ein Modell der integrierten Versorgung für Familien mit einem frühgeborenen Kind

Die Rolle der Advanced Practice Nurse innerhalb der Übergangsversorgung

Um den zukünftigen Betreuungsbedarf von Patientinnen und Patienten mit chronischen Erkrankungen oder einem komplexen Behandlungsbedarf sowie von deren Angehörigen zu decken, sind neue Versorgungsmodelle gefragt. Eine erweiterte und vertiefte Pflegepraxis (Advanced Nursing Practice) ermöglicht spezielle Versorgungsangebote. Diese werden durch eine sogenannte Advanced Practice Nurse (APN) umgesetzt und bieten eine Möglichkeit, diesen Herausforderungen zu begegnen. Innerhalb der Insel Gruppe werden seit 2011 innovative und evidenzbasierte Projekte mit APNs entwickelt und umgesetzt.

Die APN ist eine spezialisierte, akademisch ausgebildete Pflegefachperson. Ihre vertiefte Pflegepraxis ermöglicht ihr eine ganzheitliche Sichtweise auf die Patientin oder den Patienten, die Angehörigen und das persönliche Umfeld. Den Aufbau einer therapeutischen Beziehung zur Patientin oder zum Patienten durch eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, die Gewährleistung einer evidenzbasierten Praxis und den bedarfsgerechten Einsatz verschiedener Methoden schliesst die APN in ihre Handlungen ein.Im Projekt «Transition to Home after Preterm Birth (TtH)» (Übergangsversorgung – vom Spital nach Hause) wird ANP ideal integriert.

Die APN koordiniert alle Angebote der verschiedenen Fachpersonen, die in die Betreuung der Familien mit einem zu früh geborenen Kind involviert sind und fördert die interprofessionelle Zusammenarbeit. Sie begleitet und berät die Familien von der Geburt bis sechs Monate nach dem Spitalaustritt. Kurz nach der Entbindung lernt die APN die Eltern kennen und beginnt, eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufzubauen. Noch im Spital klärt sie den individuellen Nachsorgebedarf der Familie und plant gemeinsam mit den Eltern den Austritt. Nach dem Spitalaustritt bietet die APN der Familie neun Hausbesuche an und ist für sie telefonisch erreichbar. Sie schätzt den Gesundheits- und Entwicklungszustand des Kindes ein, aber auch die körperliche und psychische Verfassung der Eltern. Sie überprüft die bisher getroffenen Massnahmen hinsichtlich ihrer Wirkung und leitet bei Bedarf weitere Unterstützung ein. Die APN berät die Eltern auch zu Themen wie Stillen, Schlaf-Wach-Rhythmus oder Schreiverhalten. Verschiedene Interventionen stärken gezielt die elterliche Selbstwirksamkeit und -kompetenz und fördern die Eltern-Kind-Bindung. Die Eltern lernen die Fähigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten ihres Babys besser zu erkennen, zu deuten und darauf zu reagieren. Die Forschung zeigt, dass sich ein frühgeborenes Kind seelisch und körperlich besser entwickelt, wenn seine Eltern ruhig und zuversichtlich sind und feinfühlig auf seine Bedürfnisse eingehen.

Einzigartiges Versorgungsmodell schlägt Brücken

In der Schweiz kommen jährlich rund 6 000 Kinder zu früh zur Welt (Bundesamt für Statistik, 2015). Um den jüngsten Bernerinnen und Bernern einen besseren Start ins Leben zu ermöglichen, wurde in einer Forschungs-Praxis-Partnerschaft zwischen dem Inselspital und der Berner Fachhochschule dieses neue Betreuungsmodell für Familien mit frühgeborenen Kindern erarbeitet: Als praxisnahes, wissenschaftlich abgestütztes und für die Schweiz einzigartiges Gesundheitsversorgungsmodell will es den Übergang vom Spitalaufenthalt des Frühgeborenen nach Hause erleichtern und sicherer gestalten. Es ist bekannt, dass Familien und Frühgeborene nach der spezialisierten und intensiven Betreuung in der Neonatologie beim Übergang nach Hause eine Versorgungslücke erleben. Das Versorgungsmodell fokussiert auf bisher ungenügend angesprochene Bedürfnisse der Familien. Zudem sollen verlängerte Spitalaufenthalte, Rehospitalisationen oder häufige Notfall- oder Kinderarztbesuche reduziert werden.

2017 wurde das Modell erstmals in die Praxis umgesetzt, die Prozesse getestet und optimiert. Ab 1. Februar 2018 werden 18 Familien aus dem Kanton Bern in einer Pilotphase die Betreuung mit dem neuen Versorgungsmodell erhalten. Weitere 18 Familien werden in eine Kontrollgruppe aufgenommen. So kann das bisherige Versorgungsmodell mit dem neuen Modell verglichen und wissenschaftlich evaluiert werden.